Simon berichtet über seinen ersten Tag im Kinderhaus:

 

Mein erster Tag im Kinderhaus begann um 10 Uhr mit dem letzten Frühstück bei unseren Gasteltern im Norden von Quito. Dort hatten wir die ersten zwei Wochen in Ecuador verbracht, während wir die nahe gelegene Sprachschule besuchten. Nun hatten wir unsere Sachen wieder in etlichen Tüten, Taschen und Koffern verstaut und warteten aufgeregt auf Franklin, den Direktor unserer Sprachschule, der uns zur Fundación fahren würde. Als dieser wie geplant um 12 Uhr ankam, luden wir flott all unser Hab und Gut auf die Ladefläche des Pick-Up Trucks. Mit ausführlicher Verabschiedung und den guten Wünschen der Gastfamilie machten wir uns mit Franklin auf den Weg in den Süden.

 

Nach ca. einer Stunde Fahrt standen wir dann mit unserem Gepäck vor dem Tor der Fundación. Das Erste was ich sah, waren zwei Köpfe, die aus der Tür Ausschau gehalten hatten, um melden zu können, sobald die neuen Freiwilligen in Sicht waren. Kaum waren wir ausgestiegen, liefen uns Kinder aus dem Eingangstor entgegen. Wir erreichten den Innenhof, möglichst ohne zu vergessen, sich bei jedem einzelnen Jungen auf dem Weg vorzustellen, da eilten auch schon Bine und Angie mit breitem Grinsen auf uns zu. ( → Bine: Erzieherin einer Wohngruppe und für uns die erste Ansprechpartnerin → Angie: Gründerin und Leiterin des Kinderheims, ebenfalls Erzieherin einer Wohngruppe) Unsere Überwältigung und leichte Überforderung schien uns ins Gesicht geschrieben gewesen zu sein. Aber der Innenhof war immerhin von allen Kindern aller Wohngruppen gefüllt, da die Begrüßung der neuen Freiwilligen eines der 3 großen Feste des Jahres im Kinderhaus ist. Alle unsere Sachen wurden uns abgenommen und von den Kindern zu unserer neuen Wohnung gebracht, die Jan und ich das erste Mal, aber nur flüchtig sahen, während Steffi separat zu ihrem Zimmer unweit unserer Wohnung geführt wurde. Kaum standen Jan und ich im Zimmer, da teilte uns die hinterher geeilte Bine mit, dass wir später Zeit zum einrichten hätten. Jetzt würden erst einmal die Feierlichkeiten beginnen.

 

Wir liefen also zurück zum Innenhof auf dem wir uns dann einigen Herausforderung wie Wettkämpfen im Seilchenspringen stellten. Wenig später wurde dann der Beginn der offiziellen Begrüßung angekündigt und wir strömten mit den Kindern in einen Essenssaal neben der Küche. Dort gab es zunächst Essen um allen die nötige Energie für die anstehende Einweihung zu geben, obwohl wir diese Energie wohl deutlich nötiger hatten, als die Kinder. Die hatten das mit dem „Auf 3000 Meter leben und toben“ überraschenderweise besser drauf als wir Neulinge.


So aßen wir also alle ausgelassen zusammen zu Mittag während ich mich mit meinen zwei Phrasen, „Hallo“ und „Ich heiße Simon“ irgendwie versuchte halbwegs kommunikativ zu geben. „Naja ich habs versucht“, dachte ich mir, da wurden aber auch schon die Tische zur Seite geschoben und ein Stuhlkreis aufgebaut. Die Zeremonie begann und Angie hielt zur Einführung eine charismatische Rede, auf die der Beginn des ersten Spieles folgte. Es standen mehrere von den Kindern ausgewählte oder erfundene Spiele an, die unsere Fähigkeiten auf die Probe stellten. So mussten wir mit verbundenen Augen Essen probieren und erraten, uns im Eierlaufen beweisen und als letztes, jeder eine Pinata mit unseren Schlüsseln darin, mit verbundenen Augen zerschlagen. So wurden wir also genau so auf unsere Jeditauglichkeit wie auf unsere Freiwilligentauglichkeit geprüft, bestanden aber auch diese letzte „Prüfung“. Nach dieser Einführung, die um die 2 Stunden dauerte, wurden wir durch einen krönenden Abschlussgesang endgültig zu Arbolitos, also zu einem festen Teil des Arbol de la Esperanza. Damit löste sich die Veranstaltung auf und alle Kinder gingen zurück in eine der drei Wohngruppen.


Wir hatten indes Zeit um uns die Wohnung, die für ein Jahr unser Zuhause sein sollte, etwas genauer anzugucken. Uns wurde vorgeschlagen, dass wir gegen 4 Uhr in die uns zugeteilten Wohngruppen gehen könnten uns aber natürlich erst ein mal ausruhen könnten. Wir räumten also einen Teil unserer Sachen in die Schränke und machten uns nach einer kurzen Verschnaufpause auf den Weg.

 

Mein Weg führt mich aus dem Hauptkomplex des Arbols heraus zum „oberen Haus“ denn mir war die Wohngruppe von Angie zugeteilt worden. Oben angekommen wurde ich auch schon auf der Straße von zwei Kindern begrüßt, die mit einem Fußball spielten. Die Frage, ob ich nicht mitspielen wolle, kam auch zu meiner Freude direkt nach dem „Hola“. Ich erklärte in meinem brüchigem Spanisch, dass ich auch wenn ich total Lust hätte, ich wohl erst ein Mal mit Angie reden sollte. Ich eilte also in das Haus und fragte, wo meine Frage sofort mit einem fröhlichen „Ja klar“ beantwortet wurde. Ich ging also wieder zurück zur Straße, glücklich sofort eine Beschäftigung gefunden zu haben, die weder besonders viel Sprachfähigkeiten, noch irgendwelche anderen Erklärungen benötigte. Die nächsten 3 Stunden war ich also mit Fußballspielen beschäftigt und mit der Zeit stießen auch immer mehr Kinder zu unserer Straßenpartie dazu. Somit lernte ich auch nach und nach immer mehr Kinder des Hauses kennen. Die Zeit verging unglaublich schnell, und um 7 Uhr, was mir wie nur wenig später vorkam, wurden wir auch schon zum Abendessen gerufen.


Das Gefühl doch mittlerweile doch schon ganz gut Spanisch sprechen zu können, ein Gefühl das ich langsam in der Sprachschule bekommen hatte, wurde dann allerdings relativ flott durch den Beginn der Abendessenskonversation auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ich musste mich also damit abfinden und fing einfach an mein Bestes zu geben um Zusammenhänge zu verstehen. Das die Jungs kein so gutmütiges Spanisch wie meine Lehrerin sprechen würden, hatte ich natürlich vorher auch schon gewusst. Also machte ich im Bereich Sprache einfach mit der Philosophie weiter, zu der mir schon meine Spanischlehrerin der ersten zwei Wochen geraten hatte: Poco a poco (Stück für Stück)


Nach dem Abendessen war für die Kinder die Fernsehzeit angebrochen und ich nutzte die Gelegenheit, um mich mit Angie und Maike, einer deutschen Praktikantin, über alles mögliche zu Unterhalten. Um 9:00 wurde der Fernseher ausgeschaltet und ich mit einem Lächeln von meinem ersten Tag entlassen. Beladen mit den vielen Eindrücken der letzten Stunden trottete ich in Richtung unteres Haus. Ich bog in Gedanken versunken um die Ecke und auf ein Mal lag ganz Quito vor meinen Füßen. Ein einziges Lichtermeer aus blinkenden und bunten Lichtpunkten, die wirkten als lägen sie in einem gegenseitigen Wettstreit, jeweils der hellste sein zu wollen, öffneten eine neue Tür in meinem Kopf. Irgendwas in diesem Bild, auf dem Weg in meine neue Wohnung, sorgte bei mir für den Klick. Der Klick, der mir sagte „Jetzt bist du da“- und „da“ zu sein war ein mega cooles Gefühl.