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Infobriefe
Infobrief Januar 2009 PDF Drucken E-Mail

Informationsbrief Januar 2009

 

Liebe Freunde und Förderer des Straßenkinderprojekts Árbol de la Esperanza,

019.JPGich möchte diesen Infobrief beginnen mit dem Versuch, Ihnen einen Live-Einblick hier in den Árbol de la Esperanza zu geben: Es ist der 2. Weihnachtstag, 9 Jungen liegen auf einem Matrazenlager Popcornessend im Wohnzimmer hinter mir und haben sich für die Filmnacht installiert. Dies ist immer ein Highlight der Weihnachtsferien für alle, die wirklich niemanden haben, zu dem sie an diesen Tagen gehen können. Thomas und Alice, zwei der beiden diesjährigen Freiwilligen, und ich werden versuchen, die Weihnachtsferien für diese Jungen spannend und besonders zu gestalten. Neben der Filmnacht sind ein Ausflug in die Altstadt mit Besuch der Kirchen und Krippen geplant, bei dem es auch ein gutes Eis geben soll, Schlittschuhlaufen und ein Tag in einem privaten Freibad mit Riesenrutschbahn die 2 letzten Ausflüge sind Luxuserlebnisse, die die Fundación sonst nicht finanzieren kann.

Die Weihnachtszeit ist für viele unserer Jungen immer eine schwierige Zeit. Auch hier in Ecuador wird Weihnachten verbunden mit viel Materiellem sowie Friede, Freude und glücklichen Familien. Das Weihnachtsfest mit allen zusammen wurde am 23. Dezember in der Fundación gefeiert. Nach einem gemeinsamen Programm, dass von Erziehern und den einzelnen Hausgruppen gestaltet wurde mit Weihnachtsliedern und Theaterstücken, gab es in diesem Jahr in jeder Hausgemeinschaft im Vergleich zum letztem Jahr nur eine kleine Bescherung. Am 24. Dezember sind viele der Jungen für die Ferien zu Familienangehörigen oder befreundeten Familien gereist und nur 9 Jungen haben hier im Heim das Weihnachtsfest begangen. Für diese gab es in diesem Jahr zum ersten Mal am Heilig Abend noch einmal Geschenke und sie können sich das Staunen, die Freude und die Dankbarkeit der Kinder und selbst der Jugendlichen nicht vorstellen. Letztendlich war es ein sehr fröhlicher Abend mit einem leckeren Festessen, Tischgebeten von allen Anwesenden, Spielen, Besuch der Christmette und anschließender „Überraschungs-Bescherung.

 

Verdrehte Rollen oder Realität vieler Kinder und Jugendlichen?056.JPG

Der gerade elfjährige Jeffferson übergab mir seit Anfang Dezember Süßigkeiten aus dem Adventskalender und den Bonbontüten aus Schule und Weihnachtsprogrammen zur Aufbewahrung. Er wollte nach Weihnachten seinen 4 jüngeren Geschwistern, die bei der Mutter leben, die Weihnacht bringen. Heute war ich mit ihm zu Hause; die Mutter fanden wir betrunken vor, Blut klebte an der Wand, der vierjährige Bruder erzählte uns, dass es eine Schlägerei zwischen Mutter und Stiefvater gegeben hatte. Jefferson konnte sich emotional damit über Wasser halten, dass er für seine Geschwister Bonbontüten gebracht hatte. Die Verantwortung, die er vor allem für seine Schwester Jesica (9) und seine Mutter empfindet, ist dennoch sehr stark. Er zermartert sich den Kopf, wie er seiner Mutter helfen kann: finanziell, aber auch emotional. Am liebsten würde er sich für seine Mutter von dem Stiefvater trennen, die 4 Geschwister packen und in einem Frauenhaus Schutz suchen. Und dies alles vor dem Hintergrund, dass seine Mutter ihn im letzten Jahr ein einziges Mal auf unseren Druck hin im Heim besucht hat bei einer halben Stunde, die sie von uns entfernt wohnt.

 

Ein achtzehnjähriger Jugendlicher, der seit September auf eigenen Wunsch von Montag bis Freitag arbeitet und am Samstag in einem Intensivcolegio seine Schule beendet, äußerte ebenfalls heute

seine Entscheidung, die Hälfte seines Monatslohns (140 US-$) seiner Mutter in Kolumbien zu schicken, da er sie nicht mit ihrer schwierigen Situation alleine lassen möchte und sich als Sohn verpflichtet fühlt. Vor drei Jahren noch, als er alleine als fünfzehnjähriger zu uns in Heim kam, wollte er nichts von seiner Mutter wissen. Er brauchte ein Jahr, um telefonisch wieder Kontakt aufnehmen zu können, es folgte eine lange Zeit von Vorwürfen am Telefon und dem Einklagen, dass sie ihn als Sohn verstehen und unterstützen sollte in seiner Entscheidung hier zu leben. Nun hat er Frieden schließen können, ein Prozeß des Verzeihens liegt hinter ihm und nun ist er bereit hinzunehmen, dass die Mutter die kleinen Geschwister ans Telefon schickt und nach Geld fragen lässt .... ich kann das verstehen, ich weiß, wie schwer das Leben meiner Mutter war und ist, und ich kann und möchte sie alleine lassen.

 

Höhen und Tiefen der Arbeit mit Eltern

Mit all den Jungen, die zu uns in den Árbol de la Esperanza kommen, kommen natürlich auch Eltern zu uns oder wir zu ihnen. Grundsätzlich suchen wir die Eltern auf und ein Großteil der Arbeit von Mónica, der Sozialarbeiterin, besteht in den Besuchen der Eltern zu Hause und auf ihren Arbeitsstellen. Und so wie jeder Junge einzigartig ist als Kind/Jugendliche und seine ganz eigene Geschichte mitbringt, so sind auch Eltern und so ist auch die Arbeit mit den Eltern immer einzigartig und wir erleben so ziemlich alles. So gibt es Mütter wie die von Eduardo, der von Juli 2007 bis März 2008 bei uns lebte und nach dieser kurzen Zeit zu seiner Mutter zurückkehren konnte, weil diese bereit war, Fehler und Schwächen anzuerkennen und unsere Angebote anzunehmen wie zum Beispiel zehn Sitzungen mit Rubén, dem Psychologen, zu arbeiten und an einer Elternschule teilzunehmen. Auch die Mutter von 2 Brüdern, die viele Jahre bei uns lebten, weil die Mutter zunächst inhaftiert war und seit 1 ½ Jahren versuchte, ihr Leben neu zu organisieren, konnte im November den Mut aufbringen, ihre beiden Söhne (9 und 15) in ihrem Wunsch, wieder bei ihr zu leben, ernstzunehmen. Wir konnten sie auf diesem Weg begleiten und beraten und seit November gibt es die Kooperation, dass die Jungen nach der Schule den Nachmittag bei uns im Heim verbringen und abends zur Mutter fahren, wenn diese von der Arbeit wieder kommt. Für dieses Schuljahr üebernehmen wir weiterhin die Kosten für die Schulbildung der beiden. Zum Glück konnte diese Mutter so viel Vertrauen zu uns aufbauen, dass sie jetzt noch zu uns kommt, und um Beratung bittet in Erziehungsfragen, ist es doch nicht immer leicht für sie, nach 6 Jahren getrennten Lebens plötzlich die Verantwortung vor allem für den fünfzehnjährigen zu übernehmen.

Sieben weitere Jungen konnten im vergangenen Jahr nach 1 bis 5 Jahren im Árbol de la Esperanza wieder in ihre Familien zurückkehren. Alle, Kinder und Eltern, werden von Mónica und Sandra, der Direktorin, in diesem Prozeß begleitet. Besonders glücklich waren wir alle über die Rückkehr von Víctor (15) zu seiner Mutter. Víctor war im Mai letzten Jahres von einer städtischen Heimeinrichtung zu uns verwiesen worden als besonders schwieriger, gewalttätiger Jugendlicher. Wir konnten dieses Bild überhaupt nicht bestätigen; Víctor war von Anfang an ein aufgeweckter, lebendiger und sehr fröhlicher Jugendlicher, der sicherlich Probleme hatte, Autoritäten anzuerkennen, aber ansonsten keine Auffälligkeiten zeigte. Víctor hatte mit 9 Jahren seine Familie in Machala, einer Stadt an der Küste, verlassen und hatte seitdem in 3 verschiedenen Einrichtungen mit längeren Aufenthalten auf der Straße gelebt. In den Therapiesitzungen, die er mit dem Psychologen Rubén begann, zeigte sich schnell, dass er ebenfalls in einem inneren Konflikt in Bezug auf seine Mutter stand und ein Besuch notwendig sein würde, damit er Probleme abschließen könnte. So begleitete ihn der Psychologe Anfang Oktober nach Machala, um in einem zweitägigen Besuch mit Mutter und Sohn einen Versöhnungsprozeß einzuleiten. Der Besuch war jedoch so erfolgreich, dass Víctor sofort dort blieb. Wir konnten Kontakt zu einem befreundeten Psychologen in Machala herstellen, der sowohl Víctor als auch die Mutter begleitet. Von Quito aus bleibt uns nur der telefonische Kontakt.

Aber neben diesen glücklichen Erlebnissen mit Eltern gibt es auch die Kehrseite. So kehrte zum Beispiel Steven (11 Jahre) im März letzten Jahres zum zweiten Mal in den Árbol de la Esperanza zurück. Steven hatte bereits 2006 zwei Monate bei uns im Heim gelebt und musste dann gegen seinen und unseren Willen- per richterlichen Bescheid zu seinem Vater zurückkehren. In den folgenden 1 ½ Jahren suchte er insgesamt 8 Mal Hilfe bei uns vor der Gewalt des Vaters. Uns waren aber rechtlich die Hände gebunden, trotz Berichten über die Situation in der Familie und dem Einfordern von weiteren Untersuchungen unternahmen die staatlichen Stellen nichts, sodass wir Steven nicht wieder aufnehmen konnten. Im März letzten Jahren waren dann die Spuren der väterlichen Gewalt so deutlich in den Körper des Jungen geschrieben, dass seine Klassenlehrerin uns benachrichtigte und ausreichend Beweis vorlag, um gemeinsam mit der Schule Anzeige zu erstatten und die sofortige Heimunterbringung einzuleiten. So kam Steven wieder zu uns: noch elendiger, als wir ihn 2 Jahre zuvor kennengelernt hatten.

Der Vater tobt auch nach 10 Monaten noch, fordert seinen Jungen ein, ist jedoch nicht bereit, ihn hier im Heim zu besuchen er wohnt ebenfalls nur knapp eine halbe Stunde von uns entfernt. Seit September letzten Jahres haben wir per Sehtest schriftlich, dass Steven praktisch blind ist und dringend eine Brille benötigt. Diese kostet 80 Dollar. Der Vater ist Polizist, verfügt über ein gutes Einkommen und außerdem alle nur denklichen Vergünstigungen für sich und seinen Sohn im polizeilichen Gesundheitsystem. Da aber sein Sohn nicht bei ihm lebt, weigert er sich, die Brille zu bezahlen. Dies ist ein Beispiel von hunderten, in denen wir uns im Team fragen, in wie weit wir die Eltern in die Verantwortung nehmen müssen auf Kosten der Kinder- und wann das Wohl der Kinder Oberhand nimmt.

 

Neues von den Oldies

Neben Jungen, die nur für eine Zeit bei uns Zuflucht und Heimat finden, bis sie zu ihren Familien zurückkehren können, gibt es auch Jungen, die entweder niemanden haben oder bei denen von der Aufnahme an klar ist, dass sie nie zur Familie zurückkehren können, bei uns groß werden und von hier aus in die Unabhängigkeit gehen. Da ist zum Beispiel Juan, der vor 13 Jahren zu uns kam und im April 20 Jahre alt wird. Er lebt immer noch bei uns, da er nicht nur mit einer Totalamnesie zu uns kam und wir nie seine Eltern finden konnten, sondern ausserdem eine Lernbehinderung hat und erst im Juli letzten Jahres in einer Behindertenwerkstatt ein Berufstraining abschließen konnte. Seit September ist er neben Cristhian einer der Jungen, die schon in Arbeit sind und am Samstag die Schule besuchen auch bei Juan auf eigenen Wunsch. Er konnte nie die siebenjährige Grundschule beenden und ist nun im vorletzten Jahr. Allabendlich sitzt er jetzt über den Büchern und lernt Potenzrechnung und Wurzeln, Brüche, spanische Grammatik und alles über die Säugetiere. Seit einem Jahr versuche ich ihn emotional an den Gedanken heranzuführen, dass er irgendwann auf eigenen Füßen stehen möchte. Die ersten Male, die ich das Thema ansprach, reagierte er sehr defensiv und fragte mich, ob ich ihn rausschmeißen wollte. Heute hört er zu, verweigert aber ein Gespräch. Ich weiß dennoch, dass das Thema in ihm arbeitet und er sich vorbereitet. So hat er sich bereits eine eigene Decke gekauft, nächsten Monat hat er das Geld von seinem Lohn gespart für eine eigene Matraze. Dies sind erste Schritte und irgendwann wird er soweit sein, sich in unserer Nähe ein Zimmer zu mieten und ein eigenständiges Leben zu beginnen. Er wird uns sehr fehlen, denn er hat sich eine kindliche Unschuld bewahrt, er denkt nur positives über andere Menschen, ist immer fröhlich und unterstützt mich sehr im Haushalt oder als großer Bruder mit den jüngeren Kindern im Haus.

Geovanny zählt mit 6 Jahren im Heim auch zu unseren Oldies. Er ist an Weihnachten 19 Jahre alt geworden und macht in diesem Juli sein Abitur an der Santa Cruz de la Providencia, der Schwesternschule, die viele unserer Jungen besuchen. Auch er kam mit seinem kleinen Bruder Felipe (13 Jahre) zu uns ins Heim, weil seine Mutter straffällig wurde und sie als Kolumbianer keine

 

 

weiteren Familienangehörigen in Ecuador hatten. Die Mutter kam im vergangenen August aufgrund einer Amnestie des Präsidenten frei und kämpft zur Zeit ebenfalls mit dem Aufbau einer neuen Existenz. Für die Brüder ist die Situation keinenfalls leicht. Während der jüngere Felipe sich verzweifelt an die Mutter klammert und alles versäumte an Liebe und Zuwendung der vergangenen 6 Jahre einfordert, ist Geovanny als Älterer deutlich distanzierter. Obwohl wir immer dachten, dass besonders er sofort zu der Mutter ziehen würde, um ihr unter die Arme zu greifen, geht er seit August immer mehr auf Distanz. So verbrachte er zum Beispiel auch den Heilig Abend und gleichzeitig seinen Geburtstag- mit uns und nicht bei der Mutter. Er kämpft zwischen den Verpflichtungen als ältester Sohn und dem Recht auf ein eigenes Leben, das für ihn konkret heißt nach dem Abitur nach Kolumbien zur Familie des Vaters zurückzukehren und dort eine eigene Zukunft aufzubauen.

 

Verschiedenes

Nun bin ich schon wieder auf der letzten Seite angekommen und es gäbe wie immer noch vieles zu berichten: Von dem Wechsel von 3 Jungen auf ein technisch orientiertes Colegio, auf dem sie gleichzeitig eine Berufsausbildung und das Abitur machen können, ... von dem Wechsel von Edwin (17 Jahre) auf eine städtische Berufsfachschule, auf der er in 3 Jahre einen Meistertitel erlangen wird, ... von unserem Sommerabenteuer an den Strand und auf eine Insel, auf der man viele Tiere aus Galapagos antrifft und wofür wir als Hausgemeinschaft viele Monate gearbeitet haben, ... von dem Projekt, JahrespraktikantInnen der Sozialarbeit aufzunehmen, die uns bei der Arbeit mit den Familien unterstützen sollen, ... von der glücklichen Tatsache, dass wir endlich Patenfamilien für Jefferson (11 Jahre) und Alejandro (12 Jahre) finden konnten, zu denen sie bei Besuchen an den Wochenenden eine Beziehung aufbauen können und die ihnen das Gefühl nehmen, dass sie niemanden auf dieser Welt außerhalb der Fundación haben, ... und vielem mehr!

 

Immer wieder geben mir Freunde die Rückmeldung, dass ich in meinen Infobriefen mehr Notstände und finanzielle Bedürfnisse herausstellen müsste, damit deutlich würde, dass wir auch weiterhin auf Unterstützung angewiesen sind. Wieder ist mir dies nicht gelungen und Großprojekte wie ein Hausbau oder ähnlichem stehen einfach auch nicht an. Die laufenden Kosten müssen dennoch weiterhin von dem deutschen Verein aufgebracht werden. Essen, Schule, medizinische Versorgung und nicht zuletzt Gehälter müssen jeden Monat gezahlt werden. Wenn Sie auch in Zukunft unserem Projekt Ihr Interesse, Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung schenken wollen, dann danke ich von ganzem Herzen im Namen aller, die wir die Familie des Árbol de la Esperanza bilden.

Hoffentlich sehe ich viele von Ihnen bei dem Vereinstreffen im Februar!

 

Einen herzlichen Gruß aus Quito!

 

Angie Aretz

 

P.S. Wiederholte Bitte bzw. Erinnerung

Wir bitten wieder darum, weil wir glauben, dass noch viel mehr von Ihnen eine Email-Adresse besitzen, als uns bereits bekannt ist. Also unsere Bitte:

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