Liebe Freunde und Förderer
des Straßenkinderprojekts Árbol
de la Esperanza,
ich möchte
diesen Infobrief beginnen mit dem Versuch, Ihnen einen „Live-Einblick“
hier in den Árbol de la Esperanza zu geben: Es ist
der 2. Weihnachtstag, 9 Jungen liegen auf einem Matrazenlager Popcornessend im
Wohnzimmer hinter mir und haben sich für die
Filmnacht installiert. Dies ist immer ein Highlight der Weihnachtsferien für
alle, die wirklich niemanden haben, zu dem sie an diesen Tagen gehen können.
Thomas und Alice, zwei der beiden diesjährigen
Freiwilligen, und ich werden versuchen, die Weihnachtsferien für
diese Jungen spannend und besonders zu gestalten. Neben der Filmnacht sind ein
Ausflug in die Altstadt mit Besuch der Kirchen und Krippen geplant, bei dem es
auch ein gutes Eis geben soll, Schlittschuhlaufen und ein Tag in einem privaten
Freibad mit Riesenrutschbahn – die 2 letzten
Ausflüge
sind Luxuserlebnisse, die die Fundación sonst nicht
finanzieren kann.
Die Weihnachtszeit
ist für
viele unserer Jungen immer eine schwierige Zeit. Auch hier in Ecuador wird
Weihnachten verbunden mit viel Materiellem sowie Friede, Freude und glücklichen
Familien. Das Weihnachtsfest mit allen zusammen wurde am 23. Dezember in der
Fundación
gefeiert. Nach einem gemeinsamen Programm, dass von Erziehern und den einzelnen
Hausgruppen gestaltet wurde mit Weihnachtsliedern und Theaterstücken,
gab es in diesem Jahr in jeder Hausgemeinschaft im Vergleich zum letztem Jahr
nur eine kleine Bescherung. Am 24. Dezember sind viele der Jungen für
die Ferien zu Familienangehörigen oder
befreundeten Familien gereist und nur 9 Jungen haben hier im Heim das
Weihnachtsfest begangen. Für diese gab es in
diesem Jahr zum ersten Mal am Heilig Abend noch einmal Geschenke und sie können
sich das Staunen, die Freude und die Dankbarkeit der Kinder und selbst der
Jugendlichen nicht vorstellen. Letztendlich war es ein sehr fröhlicher
Abend mit einem leckeren Festessen, Tischgebeten von allen Anwesenden, Spielen,
Besuch der Christmette und anschließender „Überraschungs“-Bescherung.
Verdrehte Rollen
oder Realität vieler Kinder und Jugendlichen?
Der gerade elfjährige
Jeffferson übergab mir seit Anfang Dezember Süßigkeiten
aus dem Adventskalender und den Bonbontüten aus
Schule und Weihnachtsprogrammen zur Aufbewahrung. Er wollte nach Weihnachten seinen
4 jüngeren
Geschwistern, die bei der Mutter leben, die Weihnacht bringen. Heute war ich
mit ihm zu Hause; die Mutter fanden wir betrunken vor, Blut klebte an der Wand,
der vierjährige Bruder erzählte
uns, dass es eine Schlägerei zwischen Mutter und Stiefvater
gegeben hatte. Jefferson konnte sich emotional damit über
Wasser halten, dass er für seine Geschwister
Bonbontüten
gebracht hatte. Die Verantwortung, die er vor allem für
seine Schwester Jesica (9) und seine Mutter empfindet, ist dennoch sehr stark.
Er zermartert sich den Kopf, wie er seiner Mutter helfen kann: finanziell, aber
auch emotional. Am liebsten würde er sich für
seine Mutter von dem Stiefvater trennen, die 4 Geschwister packen und in einem
Frauenhaus Schutz suchen. Und dies alles vor dem Hintergrund, dass seine Mutter
ihn im letzten Jahr ein einziges Mal auf unseren Druck hin im Heim besucht hat –
bei einer halben Stunde, die sie von uns entfernt wohnt.
Ein achtzehnjähriger
Jugendlicher, der seit September auf eigenen Wunsch von Montag bis Freitag
arbeitet und am Samstag in einem Intensivcolegio seine Schule beendet, äußerte
ebenfalls heute
seine Entscheidung,
die Hälfte
seines Monatslohns (140 US-$) seiner Mutter in Kolumbien zu schicken, da er sie
nicht mit ihrer schwierigen Situation alleine lassen möchte
und sich als Sohn verpflichtet fühlt. Vor drei
Jahren noch, als er alleine als fünfzehnjähriger
zu uns in Heim kam, wollte er nichts von seiner Mutter wissen. Er brauchte ein
Jahr, um telefonisch wieder Kontakt aufnehmen zu können,
es folgte eine lange Zeit von Vorwürfen am Telefon und
dem Einklagen, dass sie ihn als Sohn verstehen und unterstützen
sollte in seiner Entscheidung hier zu leben. Nun hat er Frieden schließen
können,
ein Prozeß des Verzeihens liegt hinter ihm und
nun ist er bereit hinzunehmen, dass die Mutter die kleinen Geschwister ans
Telefon schickt und nach Geld fragen lässt .... „ich
kann das verstehen, ich weiß, wie schwer
das Leben meiner Mutter war und ist, und ich kann und möchte
sie alleine lassen“.
Höhen
und Tiefen der Arbeit mit Eltern
Mit all den Jungen,
die zu uns in den Árbol de la Esperanza kommen, kommen
natürlich
auch Eltern zu uns – oder wir zu ihnen. Grundsätzlich
suchen wir die Eltern auf und ein Großteil der
Arbeit von Mónica, der Sozialarbeiterin, besteht in
den Besuchen der Eltern zu Hause und auf ihren Arbeitsstellen. Und so wie jeder
Junge einzigartig ist als Kind/Jugendliche und seine ganz eigene Geschichte
mitbringt, so sind auch Eltern und so ist auch die Arbeit mit den Eltern immer
einzigartig und wir erleben so ziemlich alles. So gibt es Mütter
wie die von Eduardo, der von Juli 2007 bis März
2008 bei uns lebte und nach dieser kurzen Zeit zu seiner Mutter zurückkehren
konnte, weil diese bereit war, Fehler und Schwächen
anzuerkennen und unsere Angebote anzunehmen wie zum Beispiel zehn Sitzungen mit
Rubén,
dem Psychologen, zu arbeiten und an einer Elternschule teilzunehmen. Auch die
Mutter von 2 Brüdern, die viele Jahre bei uns lebten,
weil die Mutter zunächst inhaftiert war und seit 1 ½
Jahren versuchte, ihr Leben neu zu organisieren, konnte im November den Mut
aufbringen, ihre beiden Söhne (9 und 15) in
ihrem Wunsch, wieder bei ihr zu leben, ernstzunehmen. Wir konnten sie auf
diesem Weg begleiten und beraten und seit November gibt es die Kooperation,
dass die Jungen nach der Schule den Nachmittag bei uns im Heim verbringen und
abends zur Mutter fahren, wenn diese von der Arbeit wieder kommt. Für
dieses Schuljahr üebernehmen wir weiterhin die Kosten für
die Schulbildung der beiden. Zum Glück konnte diese
Mutter so viel Vertrauen zu uns aufbauen, dass sie jetzt noch zu uns kommt, und
um Beratung bittet in Erziehungsfragen, ist es doch nicht immer leicht für
sie, nach 6 Jahren getrennten Lebens plötzlich die
Verantwortung vor allem für den fünfzehnjährigen
zu übernehmen.
Sieben weitere
Jungen konnten im vergangenen Jahr nach 1 bis 5 Jahren im Árbol
de la Esperanza wieder in ihre Familien zurückkehren.
Alle, Kinder und Eltern, werden von Mónica und
Sandra, der Direktorin, in diesem Prozeß begleitet.
Besonders glücklich waren wir alle über
die Rückkehr
von Víctor
(15) zu seiner Mutter. Víctor war im Mai
letzten Jahres von einer städtischen Heimeinrichtung
zu uns verwiesen worden – als besonders
schwieriger, gewalttätiger Jugendlicher. Wir konnten dieses
Bild überhaupt
nicht bestätigen; Víctor
war von Anfang an ein aufgeweckter, lebendiger und sehr fröhlicher
Jugendlicher, der sicherlich Probleme hatte, Autoritäten
anzuerkennen, aber ansonsten keine Auffälligkeiten
zeigte. Víctor hatte mit 9 Jahren seine Familie
in Machala, einer Stadt an der Küste, verlassen und
hatte seitdem in 3 verschiedenen Einrichtungen mit längeren
Aufenthalten auf der Straße gelebt. In den
Therapiesitzungen, die er mit dem Psychologen Rubén
begann, zeigte sich schnell, dass er ebenfalls in einem inneren Konflikt in
Bezug auf seine Mutter stand und ein Besuch notwendig sein würde,
damit er Probleme abschließen könnte.
So begleitete ihn der Psychologe Anfang Oktober nach Machala, um in einem zweitägigen
Besuch mit Mutter und Sohn einen Versöhnungsprozeß
einzuleiten. Der Besuch war jedoch so erfolgreich, dass Víctor
sofort dort blieb. Wir konnten Kontakt zu einem befreundeten Psychologen in
Machala herstellen, der sowohl Víctor als auch die
Mutter begleitet. Von Quito aus bleibt uns nur der telefonische Kontakt.
Aber neben diesen
glücklichen
Erlebnissen mit Eltern gibt es auch die Kehrseite. So kehrte zum Beispiel
Steven (11 Jahre) im März letzten Jahres zum zweiten Mal in
den Árbol
de la Esperanza zurück. Steven hatte bereits 2006 zwei Monate
bei uns im Heim gelebt und musste dann –gegen seinen
und unseren Willen- per richterlichen Bescheid zu seinem Vater zurückkehren.
In den folgenden 1 ½ Jahren suchte er insgesamt 8 Mal
Hilfe bei uns vor der Gewalt des Vaters. Uns waren aber rechtlich die Hände
gebunden, trotz Berichten über die Situation
in der Familie und dem Einfordern von weiteren Untersuchungen unternahmen die
staatlichen Stellen nichts, sodass wir Steven nicht wieder aufnehmen konnten. Im
März
letzten Jahren waren dann die Spuren der väterlichen
Gewalt so deutlich in den Körper des Jungen
geschrieben, dass seine Klassenlehrerin uns benachrichtigte und ausreichend
Beweis vorlag, um gemeinsam mit der Schule Anzeige zu erstatten und die
sofortige Heimunterbringung einzuleiten. So kam Steven wieder zu uns: noch
elendiger, als wir ihn 2 Jahre zuvor kennengelernt hatten.
Der Vater tobt auch
nach 10 Monaten noch, fordert seinen Jungen ein, ist jedoch nicht bereit, ihn
hier im Heim zu besuchen – er wohnt ebenfalls
nur knapp eine halbe Stunde von uns entfernt. Seit September letzten Jahres
haben wir per Sehtest schriftlich, dass Steven praktisch blind ist und dringend
eine Brille benötigt. Diese kostet 80 Dollar. Der
Vater ist Polizist, verfügt über
ein gutes Einkommen und außerdem alle nur denklichen
Vergünstigungen
für
sich und seinen Sohn im polizeilichen Gesundheitsystem. Da aber sein Sohn nicht
bei ihm lebt, weigert er sich, die Brille zu bezahlen. Dies ist ein Beispiel
von hunderten, in denen wir uns im Team fragen, in wie weit wir die Eltern in
die Verantwortung nehmen müssen –auf
Kosten der Kinder- und wann das Wohl der Kinder Oberhand nimmt.
Neues von den
Oldies
Neben Jungen, die
nur für
eine Zeit bei uns Zuflucht und Heimat finden, bis sie zu ihren Familien zurückkehren
können,
gibt es auch Jungen, die entweder niemanden haben oder bei denen von der
Aufnahme an klar ist, dass sie nie zur Familie zurückkehren
können,
bei uns groß werden und von hier aus in die Unabhängigkeit
gehen. Da ist zum Beispiel Juan, der vor 13 Jahren zu uns kam und im April 20
Jahre alt wird. Er lebt immer noch bei uns, da er nicht nur mit einer
Totalamnesie zu uns kam und wir nie seine Eltern finden konnten, sondern
ausserdem eine Lernbehinderung hat und erst im Juli letzten Jahres in einer
Behindertenwerkstatt ein Berufstraining abschließen
konnte. Seit September ist er neben Cristhian einer der Jungen, die schon in
Arbeit sind und am Samstag die Schule besuchen –
auch bei Juan auf eigenen Wunsch. Er konnte nie die siebenjährige
Grundschule beenden und ist nun im vorletzten Jahr. Allabendlich sitzt er jetzt
über
den Büchern
und lernt Potenzrechnung und Wurzeln, Brüche,
spanische Grammatik und alles über die Säugetiere.
Seit einem Jahr versuche ich ihn emotional an den Gedanken heranzuführen,
dass er irgendwann auf eigenen Füßen stehen möchte.
Die ersten Male, die ich das Thema ansprach, reagierte er sehr defensiv und
fragte mich, ob ich ihn rausschmeißen wollte. Heute hört
er zu, verweigert aber ein Gespräch. Ich weiß
dennoch, dass das Thema in ihm arbeitet und er sich vorbereitet. So hat er sich
bereits eine eigene Decke gekauft, nächsten Monat hat er
das Geld von seinem Lohn gespart für eine eigene
Matraze. Dies sind erste Schritte und irgendwann wird er soweit sein, sich in
unserer Nähe ein Zimmer zu mieten und ein
eigenständiges
Leben zu beginnen. Er wird uns sehr fehlen, denn er hat sich eine kindliche
Unschuld bewahrt, er denkt nur positives über andere
Menschen, ist immer fröhlich und unterstützt
mich sehr im Haushalt oder als großer Bruder mit den jüngeren
Kindern im Haus.
Geovanny zählt
mit 6 Jahren im Heim auch zu unseren Oldies. Er ist an Weihnachten 19 Jahre alt
geworden und macht in diesem Juli sein Abitur an der Santa Cruz de la
Providencia, der Schwesternschule, die viele unserer Jungen besuchen. Auch er
kam mit seinem kleinen Bruder Felipe (13 Jahre) zu uns ins Heim, weil seine
Mutter straffällig wurde und sie als Kolumbianer
keine
weiteren
Familienangehörigen in Ecuador hatten. Die Mutter
kam im vergangenen August aufgrund einer Amnestie des Präsidenten
frei und kämpft zur Zeit ebenfalls mit dem Aufbau
einer neuen Existenz. Für die Brüder
ist die Situation keinenfalls leicht. Während der jüngere
Felipe sich verzweifelt an die Mutter klammert und alles versäumte
an Liebe und Zuwendung der vergangenen 6 Jahre einfordert, ist Geovanny als Älterer
deutlich distanzierter. Obwohl wir immer dachten, dass besonders er sofort zu
der Mutter ziehen würde, um ihr unter die Arme zu greifen,
geht er seit August immer mehr auf Distanz. So verbrachte er zum Beispiel auch
den Heilig Abend –und gleichzeitig seinen Geburtstag-
mit uns und nicht bei der Mutter. Er kämpft
zwischen den Verpflichtungen als ältester Sohn und
dem Recht auf ein eigenes Leben, das für ihn
konkret heißt nach dem Abitur nach Kolumbien zur
Familie des Vaters zurückzukehren und dort eine eigene
Zukunft aufzubauen.
Verschiedenes
Nun bin ich schon
wieder auf der letzten Seite angekommen und es gäbe
wie immer noch vieles zu berichten: Von dem Wechsel von 3 Jungen auf ein
technisch orientiertes Colegio, auf dem sie gleichzeitig eine Berufsausbildung
und das Abitur machen können, ... von dem Wechsel von Edwin
(17 Jahre) auf eine städtische Berufsfachschule, auf der er
in 3 Jahre einen Meistertitel erlangen wird, ... von unserem Sommerabenteuer an
den Strand und auf eine Insel, auf der man viele Tiere aus Galapagos antrifft
und wofür
wir als Hausgemeinschaft viele Monate gearbeitet haben, ... von dem Projekt,
JahrespraktikantInnen der Sozialarbeit aufzunehmen, die uns bei der Arbeit mit
den Familien unterstützen sollen, ... von der glücklichen
Tatsache, dass wir endlich Patenfamilien für
Jefferson (11 Jahre) und Alejandro (12 Jahre) finden konnten, zu denen sie bei
Besuchen an den Wochenenden eine Beziehung aufbauen können
und die ihnen das Gefühl nehmen, dass sie niemanden auf
dieser Welt außerhalb der Fundación
haben, ... und vielem mehr!
Immer wieder geben
mir Freunde die Rückmeldung, dass ich in meinen
Infobriefen mehr Notstände und finanzielle Bedürfnisse
herausstellen müsste, damit deutlich würde,
dass wir auch weiterhin auf Unterstützung angewiesen
sind. Wieder ist mir dies nicht gelungen und Großprojekte
wie ein Hausbau oder ähnlichem stehen einfach auch nicht an.
Die laufenden Kosten müssen dennoch weiterhin von dem
deutschen Verein aufgebracht werden. Essen, Schule, medizinische Versorgung und
nicht zuletzt Gehälter müssen
jeden Monat gezahlt werden. Wenn Sie auch in Zukunft unserem Projekt Ihr
Interesse, Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung
schenken wollen, dann danke ich von ganzem Herzen im Namen aller, die wir die
Familie des Árbol de la Esperanza bilden.
Hoffentlich sehe
ich viele von Ihnen bei dem Vereinstreffen im Februar!
Einen herzlichen
Gruß
aus Quito!
Angie Aretz
P.S. Wiederholte Bitte bzw. Erinnerung
Wir bitten wieder
darum, weil wir glauben, dass noch viel mehr von Ihnen eine Email-Adresse
besitzen, als uns bereits bekannt ist. Also unsere Bitte:
Auch wenn wir Porto
nicht von Spendengeldern bezahlen, so können wir
dennoch beim Versand der Infobriefe Geld und Papier sparen, wenn Sie uns Ihre
Emailadresse mitteilen.